Medical Wellness – Im Urlaub das Bewusstsein für den Körper schärfen

So lieblich die Landschaft, so hart das Sportprogramm: Um 8.00 Uhr geht es los mit einer flotten Runde Nordic Walking. Es folgt Wassergymnastik, dann geht es in den Sportraum. Zu diesem Zeitpunkt wird die nachfolgende Rückenmassage schon recht sehnsüchtig erwartet. Und wann gibt es eigentlich etwas zu essen? Bei Medical Wellness in dem Hotel im Allgäu gilt kein Schwächeln. Viele andere Hotels in Deutschland haben ein ähnlich straffes Angebot unter diesem Titel im Angebot. Aber ist das wirklich im Sinne des Erfinders?
Der Deutsche Wellness Verband in Düsseldorf verneint das eher. "Medical Wellness ist eigentlich kein reines Sportangebot", sagt Lutz Hertel, Vorsitzender des Verbandes. Es gehe vielmehr darum, mit bestimmten Übungen das Bewusstsein für seinen Körper zu schärfen und sich in der Folge für einen gesünderen Lebensstil zu entscheiden.
Dazu gehöre auch die Ernährung. Oder mit anderen Worten: Eine sportliche und spartanische Woche im Urlaub macht nicht ein Jahr Bewegungsmuffelei und Völlerei wieder wett.
Reine Wellnessangebote sind laut Hertel ebenfalls wichtig für einen gesunden, genussvollen Lebensstil. Sie würden in den Hotels auch oft von Fachkräften wie diplomierten Sportlehrern, Diplomökotrophologen und Gesundheitspädagogen vorgenommen. Gebucht werden sie aber eher von Menschen, die sich müde und ausgebrannt fühlen und wieder Kraft tanken wollen. "Medical Wellness dagegen ist eine spezielle Angebotsform, die medizinisch begründet, begleitet und kontrolliert wird." Sie werde von Menschen gewählt, die bereits ein spezielles medizinisches Problem haben – und die aktiv etwas dagegen machen möchten. "Manchmal ist es aber auch für vermeintlich Gesunde gut, einen Arzt im Hintergrund zu haben."
"Eine der Grundvoraussetzungen für Medical Wellness ist ein in die Betriebsabläufe des Hotels eingebundener Arzt", sagt auch Lutz Lungwitz, Pressesprecher des Deutschen Medical Wellness Verbandes (DMWV) in Berlin. Viele Hotels aber würden mit einem Medical-Wellness-Angebot werben, "um dann Massagen anzubieten". Mit passivem Verwöhntwerden habe Medical Wellness aber wenig zu tun. Die Programme setzen aktives Mitmachen voraus – etwa bei der "Herz-Gruppengymnastik", beim Indoor-Cycling oder beim "Rückenfit". Das alles sollte unter ärztlicher Obhut geschehen. "Das beginnt beim Gesundheitscheck des Gastes nach seiner Ankunft bis hin zu Tipps für ein gesünderes Leben vor der Abfahrt."
Eine medizinische Grundlage findet auch die Stiftung Warentest wichtig bei einem Medical-Wellness-Angebot. "Es sollte eine Wirkung auf die Gesundheit nachgewiesen sein", sagt Walther Kösters, Leiter der Abteilung Weiterbildungstests. "Nur Wohlfühlen wie bei Güssen und Bädern ist nicht genug". Auch sollten die Anwendungen unter der Aufsicht von medizinisch gebildetem Personal stattfinden. "Wo Medical Wellness drauf steht, sollte auch etwas Medizinisches drin sein." Entsprechend kompetent muss das Personal sein: "Die Branche ist daher eher etwas für Ärzte oder Heilpraktiker, weniger für Quereinsteiger."
Die personellen Voraussetzungen erfüllen noch am ehesten Kurorte, die den Markt natürlich schon für sich entdeckt haben. Zumal Medical Wellness nach Wohlfühlen klingt – und Kur eher nach Krankheit. Viele Hotels, die Medical Wellness anbieten, haben sich spezialisiert: das "A’Rosa" im Ostseeheilbad Travemünde beispielsweise auf Thalasso-Therapien, der "Sonnenhof" in Bad Wörishofen auf Ayurveda und Kneipp-Anwendungen und das "Friedrich-Franz-Palais" in Bad Doberan vor allem auf Moorbäder und Kreidepackungen.
Natürlich kosten solche Therapien Zeit. Die aber hat gerade die Klientel für Medical Wellness eher zu wenig. So beginnt sogar oft ihr Leidensweg: Lange Arbeitstage kürzen die Freizeit ab – und damit die Zeit der Entspannung. Dazu macht die Arbeit mitunter nicht nur Freude. Diese Mischung kann langfristig krank machen. Herz- und Kreislaufbeschwerden, Rückenprobleme, Bluthochdruck und Übergewicht sind bekannte Folgen von Stress und Überforderung. All dies sind Leiden, die mit einem bewussten Umgang mit dem Körper verhindert werden können.
Wie soll aber der Gast herausfinden, bei welchem der Angebote die Wellness aufhört und die Medical Wellness anfängt? Der MWVD hat kürzlich ein unabhängiges Zertifizierungsverfahren für Hotels entwickelt, die Medical Wellness anbieten. Aus diesem hat der TÜV Rheinland ein Prüfverfahren entwickelt. Der Deutsche Wellness Verband schickt seit einigen Jahren Berufstester anonym in Hotels, wo dann das Prospektangebot mit dem Personal vor Ort verglichen wird. "Das muss zusammen passen", sagt Hertel. Außerdem vergibt der Verband ein Gütesiegel. Einzelne Veranstalter nutzen das Logo bereits.
Informationen: Deutscher Medical Wellness Verband, Fanny-Zobel-Straße 9, 12435 Berlin (Tel.: 030/81 87 33 10, Kategorien Medical Wellness